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Transgender – Von Frau zu Mann – Interview mit Johnny

Johnny mit seinem Käfer Charly
Triggerwarnung: In diesem Interview werden Themen wie Selbstmord und sexueller Missbrauch angesprochen.
Der Vormittag mit Johnny war unglaublich lustig und interessant. Stellenweise so interessant, dass ich fast das Fotografieren vergessen hätte. So sehr hing ich schon vor dem Interview an seinen Lippen. Er erzählte mir so offen, locker und mit Humor von seinem Leben und seinen Herausforderungen. Einfach Wahnsinn.

Nach dem Shooting stand das Interview an. Er lehnte an seinem Käfer und ich saß auf einer Leitplanke. Autsch. Gemütlich ist anders 😄. Klingt auch gefährlich. War es aber nicht, denn wir waren an einem See und die Planke diente nur dazu, die Liegefläche abzugrenzen.

Was in Textform leider nicht wiederzugeben ist, ist die Art, wie er erzählte. Auch hier super offen und humorvoll. Wir haben echt viel gelacht. Z.B. als mal wieder einer der vielen Züge vorbeifuhr. Er unterbrach sich und meinte nur „Zug, Zug, Zug vorbei.“ Aber die Situationskomik geht hier leider verloren.

Nichtsdestotrotz kommt hier das Interview. Lies es mit einem Lächeln, dann kommt der Humor vielleicht etwas rüber 😉

Wann war für dich klar, dass du im falschen Körper steckst und eigentlich männlich bist? War die Entwicklung schleichend oder immer glasklar für dich?

Ich wusste schon mit 3 oder 4 Jahren, dass irgendwas nicht stimmt, aber ich konnte nicht erklären, was es ist. Das war mein Problem. In der heutigen Zeit ist es halt so, dass es Internet und Bücher gibt und bei uns war das früher so „Oh, da wohnen zwei Männer zusammen. Das sind gar keine Brüder. Das sind zwei Schwule. Sie sind zusammen. Ohoho.“. Da war das schon ganz aufregend. Oder Boy George, der sich dann geoutet hat, Freddy Mercury auch. Das war dann so „Boah, Wahnsinn!“.

Ich konnte nicht erklären, was es in mir ist, aber irgendwas sagte ganz tief in mir drin, irgendwas ist hier falsch. Es fehlt irgendwas. Der Name ist falsch, wie ich gerufen wurde fühlt sich falsch an, wenn ich meinen Namen geschrieben habe, fühlte es sich falsch an. Alles fühlte sich komplett falsch an. Ich glaube, das ist etwas, was ganz tief in dir drin ist. Ich glaube, irgendwas sagt dir einfach ganz tief in dir drin, das, was du jetzt bist, der Körper, den du jetzt hast, das bist nicht du. Kann man nur schwer erklären.

Also wirklich echt früh.

Ja. Ich habe mir zum Beispiel mit 4 oder 5 Jahren mit gerolltem Klopapier einen Penis gebastelt, weil der mir fehlte. Und ich war immer davon überzeugt, mein Penis kommt noch. Der wächst noch. Der hat sich vielleicht versteckt oder irgendwas ist an mir falsch, aber es kam ja immer „Du bist ein Mädchen.“ Aber ich fragte mich, wie fühlt sich ein Mädchen? Mädchen, Junge … das war ja früher so extrem stereotypisch. Und es war echt immer schwierig für mich.

Dann hast du das also für dich gewusst und irgendwann hast du auch gesagt, ich bin KEIN Mädchen, ich bin ein Junge, ich bin ein Mann. Wann war das und wie hat dein Umfeld reagiert?

Leider erst mit 30. Ich hatte da meinen letzten Selbstmordversuch hinter mir. Und da hab ich mir gesagt, dass kann so nicht weitergehen. Entweder lebe ich so weiter, wie es jetzt ist, aber ich würde mich weiter absolut kaputt machen oder ich gehe diesen Weg.
Ich habe einen sehr, sehr guten Freund. Er ist auch Transgender. Als ich recherchierte, wie ich am besten gegen einen Baum fahre, weil ich wirklich nicht mehr wollte, hat er angerufen.
Ich hab ihm meine Lebensgeschichte erzählt, wie ich mich fühle, wie es mir geht. Er hat einfach nur zugehört und sagte am Ende „Ich weiß, was mit dir los ist.“. Ich wollte es aber noch nicht hören, weil ich einfach Angst hatte vor diesem Weg.
Er sagte dann zu mir „Du bist so wie ich. Du bist Transgender. Du bist ein trans* Mann. Deine ganzen Erzählungen …“.  Ich meinte zu ihm, ja, aber ich war doch erst hetero, dann bisexuell, dann lesbisch … Das kann doch nicht sein, dass ich jetzt auch noch trans* bin.

Mein Therapeut sagte dazu auch was sehr Schönes. Gerade ältere Transgender machen sowas durch. Sie sind auf der Suche. Immer auf der Suche, immer unruhig. Die Ruhe habe ich jetzt aber endlich für mich gefunden.
Die heutige Generation ist da ja ganz anders. Sie googeln. Es ist alles viel offener. Sie gucken im Internet – „Ah, alles klar.“ Trans*, schwul, lesbisch, pansexuell etc., das ist so vertreten mittlerweile. Und es wäre schön, wenn das alles noch viel normaler werden würde.

Und Mama, Papa? Wie haben die reagiert?

Meine Schwester war am besten. Sie brachte sie Aussage „Ok, hetero, bi, lesbisch, jetzt trans*. Ja, ok, gut. Dann haben wir ja wenigstens alles durch.“ Sie war da ganz locker.

Mein Ziehpapa ist diesen Weg mit mir auch gegangen. Leider hat er MS* und dann ist sein bester Freund immer mit mir gefahren, wenn es um die OPs gegangen ist. Da habe ich komplette Unterstützung bekommen.

Meine Mama hat viel um ihre Tochter geweint. Ich war all das, was sie immer sein wollte. Lange, dicke Haare, schlank, schöne Beine, schöne Brüste. Es war alles wirklich schön bei mir. Es hing nichts, ich hatte einen flachen Bauch und meine Mutter hat das alles geliebt. Und, ganz brutal gesagt, habe ich das alles zerstört. Auch viele andere sagen immer „Oh, als Frau …“, also im Frauenkörper, Frau war ich nie, „… warst du so schön, so sexy, so toll und heute, naja heute bist du eher so der Teddybär-Mann. Vermisst du es nicht so schön zu sein?“ NEIN, ich vermisse es überhaupt nicht. Nicht ein bisschen. Das Einzige, was toll war, ich konnte mir die Männer und Frauen aussuchen. Gut, ich stehe mehr auf Frauen als auf Männer, aber da musste ich bei den Frauen nur schnipsen und dann hatte ich auch eine. Jetzt ist es ein bisschen schwieriger. Vielleicht auch, weil viele Männer einiges kaputt machen mit ihren Penisbildern oder weil ich so aussehe wie ich aussehe. Das kann natürlich auch sein.

Meine Mutter wollte es auch vom Therapeuten hören. Ich musste ein halbes Jahr Therapie machen und meine Mutter sagte, sie glaubt mir das erst, wenn sie auch das „Go“ vom Therapeuten hat. Sie hatte Angst, und die Angst hatte sie immer noch als ich vor der Mastektomie** stand. Sie sagte, „Du kannst nicht mehr zurück. Höchstens Silikonbrüste. Und Gebärmutter, Eierstöcke. Du willst das alles weg haben?“ Meine Antwort: Ja, das bin nicht ich. Das gehört nicht zu mir. Das muss weg. Und meine Mutter hatte wahnsinnige Angst, ob das alles richtig ist. Im Grunde zerstört man damit einen gesunden Körper. Aber dadurch, dass deine Seele auf einmal aufatmen kann, ist auch dein Körper dann gesund. Das ist das Ding.
Ich verstehe die Eltern, die Angst haben. Gerade bei den Jüngeren ist es noch die Pubertät, die dazu kommt. Fühle ich mich in meinem Körper nicht wohl, weil jetzt alles anfängt zu sprießen und zu wachsen oder fühle ich mich nicht wohl, weil ich im falschen Körper bin? Das ist auch nochmal so ein Ding. Und da ist Therapie, denke ich, wahnsinnig wichtig. Und ich konnte auch meine Mutter verstehen, die ja auch diese hundert Wege bei mir gesehen hat. Nicht, dass da noch wieder was anderes kommt. Ich will das jetzt vom Therapeuten hören. Aber Therapeuten sind auch keine Engel und die können sich auch mal irren, deshalb fand ich das auch mit dem halben Jahr gut. Und dann war meine Mutter da und der Therapeut meinte „Ihr Kind war die ganze Zeit auf der Suche. Merken Sie nicht, dass Ihr Kind ruhiger geworden ist? Dass Ihr Kind auf einmal viel entspannter ist? Dass gewisse Dinge / Angstzustände aufgehört haben?“ Meiner Mutter war das alles aufgefallen. „Wir sind auf dem richtigen Weg. Ihr Mädchen, was sie geboren haben, ist ein Junge. Es ist ein Mann.“ Meine Mutter saß dann da und musste erstmal ein- und ausatmen. Dann sagte sie „Ok, dann gehe ich mit die den Weg.“ Und sie geht ihn bis heute mit mir. Und heute ist sie, glaub ich, auch sehr, sehr stolz auf mich.

Wie schön zu hören.
Therapie: Also sagst du, dieses halbe Jahr Therapie ist in so einer Situation auch durchaus sinnvoll?

Ja, ich finde es schon sehr sinnvoll. Ich werde immer wieder zu dem Selbstbestimmungsgesetzt gefragt. Da bin ich zwiegespalten. Klar, es kann dir niemand die Garantie geben, ob das alles richtig ist, was du jetzt machst oder ob das nur eine Phase ist.

Es gibt Transgender, die bereuen ihre Entscheidung. Ich kenne einen, der ist den kompletten Weg als trans* Mann gegangen und dann hat er auf einmal gemerkt, es war alles falsch. Und das wird aber totgeschwiegen. Aber es ist so wichtig darüber zu reden. Und so wenig Transgender reden darüber und das finde ich so traurig. Man hat mir gesagt, dass in dem neuen Gesetz trotzdem so kleine Klauseln drin sind, was schön wäre, weil, da muss einfach noch ein gewisser Schutz sein. Nicht, dass man diesen Weg geht und es dann bereut. Die Person, die jetzt nach trans* Mann wieder eine (trans*)Frau ist, geht jetzt alle OPs wieder zurück. Sie hat Silikonbrüste bekommen. Aber auch der Penoid-Aufbau, der Penis, und die Hoden müssen wieder angeglichen werden. Sie hat dadurch jetzt schwere psychische Probleme. Und die Stimme bleibt tief. Der Bartwuchs ist auch da. Wie eine trans* Frau muss sie jetzt ihre Stimme trainieren und den Bart lasern lassen.

Doch wenn ich darüber rede, auch im Netz, dann merke ich immer wieder, dass welche kommen und die dann sehr bösartig zu mir sind. Mich auch angreifen, wie ich das nur erzählen kann und was das soll. Die diesen Menschen vorwerfen, dumm zu sein oder die falschen Ärzte gewählt zu haben. Auch ein guter Arzt kann sich irren. Wir sind alle Menschen. Ärzte sind keine Götter.

Du selbst weißt am besten, was mit dir los ist. Aber so schnell du das auch alles haben möchtest, ich war auch so, lass dir Zeit. Wenigstens ein bisschen. Gerade, wenn es um OPs geht. Ich verstehe das mit den Brüsten. Bei trans* Männern sollen sie weg, trans* Frauen hätten sie gern. Ich verstehe das absolut, aber lasst euch ein bisschen Zeit. Es müssen ja nicht zwei Jahre sein, aber immer wieder darüber nachdenken, sich intensiv damit beschäftigen. Und nicht hören, was die anderen sagen, sondern nur auf sich hören. Mit sich selbst im Reinen sein. Denn vielleicht steckt auch eine psychische Erkrankung dahinter und man versucht durch einen trans* Weg von der psyschischen Erkrankung, die man hat (Borderline, Depression etc.) abzulenken. Das habe ich auch schon kennengelernt. Und das ist dann eben auch die Schwierigkeit. Und deshalb bin ich immer noch dafür, eine Therapie zu machen.

Es heißt ja nicht, dass man dich therapieren will, sondern dass man nur schaut, ob du auf dem richtigen Weg bist. Das Wort ist in dem Fall irgendwie unpassend.

Genau das. Aber es gibt dann eben auch viele Schweine dort. Ich hatte das zum Beispiel gehabt, bei den zwei Gutachten, da wurde ich die ganze Zeit noch Frau XY genannt. Und dann fragte mich der Therapeut z.B. wie ich mir einen Pullover ausziehe. Ich sagte soundso und er meinte, so würde das eine Frau tun. Aber ich kenne viel Männer, die sich genauso den Pulli ausziehen. Dann hat er mir einen Ball zugeworfen und da kam es drauf an, wie ich den fange. Ich hab ihn gefangen wie eine „Frau“. Interessanterweise ist meine Mama ein Mann, denn sie hat ihn genauso gefangen wie „gewünscht“. Männer wollen wohl ihr Gemächt beim Fangen schützen und im Kopf hätte ich ja schon so unbewusst denken müssen. Das ist aber schwierig, finde ich. Bei diesen „Tests“ muss noch was passieren, nachgebessert werden. Denn eine richtige Garantie bringen die auch nicht. Die Garantie hast nur du selbst in dir drin.

Menschen sind ja auch so unterschiedlich. Nicht einer ist wie der andere. Du kannst doch da nicht einfach eine Schablone drauflegen.

Genau. Zum Beispiel sage ich auch immer, ich bin ein Mann. Ok, ich bin ein trans* Mann, aber in erste Linie bin ich Mann. Doch ich kenne auch trans* Männer, die sagen, ich bin ein Transmann. Ich bin kein Mann, ich bin der Transmann. Und die wollen das auch so. Das bin ich aber nicht. Ich sehe mich absolut als Mann und hab denselben Wert wie jeder andere Mann auch.

Auch gibt es trans* Männer, die machen komplett die Angleichung und andere machen nur die Mastektomie**. Und das ist alles in Ordnung. Weil du an erster Stelle glücklich werden sollst. Ich kenne auch einen trans* Mann, der macht gar keine OP. Er ist einfach nur mit dem glücklich, wie es jetzt ist. Und das ist absolut in Ordnung.

Früher habe ich auch mal anders geredet. Das war in meiner „zweiten Pubertät“. Es kamen auch immer mal welche, die mich von früher kannten und mir vorwarfen, ich sein ein Heuchler, weil ich früher eben anders geredet habe. Und ja, das war so. Aber das kam daher, dass ich noch sehr unzufrieden mit mir war. Und wenn du unzufrieden bist, dann schlägst du um dich. Dann ist alles sch***e, alles kacke. Selbst als ich dann schon Testosteron bekam habe ich noch um mich gebissen. Schwule trans* Männer … so ein Quatsch, was soll denn das? BULLSHIT! Es ist ok, wenn du ein trans* Mann und schwul bist. Es ist ok, wenn du eine trans* Frau und lesbisch bist. Es ist ok, wenn du non-binär, bi, pan etc. bist. Hauptsache glücklich. Und wenn du selbst mit dir im Einklang bist, glücklich und zufrieden, dann bist du auch nicht mehr so aggressiv. Du bist nicht mehr so gewalttätig. Du bist auch mit dir dann viel entspannter. Klar, ich wäre auch gern 1,90 m groß, hätte gern wieder Haare auf dem Kopf und wäre gern super mega sexy und der Aquaman vom Dienst, auf den die ganzen Mädels stehen.

Wann hast du dich auch äußerlich das erste Mal so richtig als Mann gefühlt?

Nach der Mastektomie**. In der gleichen OP wurden mir auch die Gebärmutter und die Eierstöcke entfernt. Danach hab ich mich dann doch schon sehr maskulin gefühlt. Als Mann hab ich mich ja schon immer gefühlt, aber das äußerliche kam dann wirklich mit der Mastektomie**. Vorher hab ich Brust-Binder getragen und sah, dadurch dass ich 2-3 getragen habe, immer übelst trainiert aus … nur die Ärmchen waren ganz dünn. Im Sommer war das schon echt hart. Ich leide mit jedem, der das im Sommer durchmacht. Als ich nach der OP wach wurde, habe ich erstmal geheult.

Wir hatten ja eben schon den Punkt mit der Therapie. Und ich weiß, dass der Prozess der Namens- und Geschlechtsänderung ein Kraftakt in Deutschland ist. Unter Anderem müssen zwei unabhängige Psychologen bestätigen, dass man es nicht nur „aus einer Laune heraus“ macht. Was hat es mit dir gemacht, dass zwei wildfremde Menschen quasi über dein Leben und dein Glück zu entscheiden hatten?

Witzigerweise habe ich zu Anfang einfach gedacht, dass gehört nun mal zum Prozess. Es ist ein Kampf und den führe ich. Ich führe diesen Kampf zu meinem eigenen Ich. Dadurch, dass ich in meinem ganzen Leben schon so viel Sch***e gefressen habe, von klein auf, habe ich mir tatsächlich da nicht weiter Gedanken gemacht. Wir leben einfach in einem Staat, wo alles immer mit Papierkram zu tun hat und alles dokumentiert werden muss. Ich habe mir da tatsächlich nicht solche heftigen Gedanken gemacht wie vielleicht andere.

Das Einzige, wo ich sauer war, war wegen des zweiten Therapeuten. Der mit dem Pulli und dem Ball. Er hat mich als armes kleines Reh bezeichnet. Und er wollte auch einiges über meine Kindheit wissen. Seine Kindheit sollte man in diesem Prozess vielleicht auch für sich reflektieren.
Ich wurde sexuell missbraucht von meinem dritten bis zu meinem achten oder neunten Lebensjahr. Das macht natürlich auch einiges mit einem. Da fragte der Therapeut dann, ob ich vielleicht nur ein Mann sein will, weil ich missbraucht worden bin. Weil der Mann einfach stark ist und ich als Frau / als Kind nicht so stark war. Da fühlte ich mich tatsächlich sehr angegriffen. Ich finde, Frauen sind sehr, sehr stark. Sie sind stärker als Männer. Allein psychisch schon sind Frauen 1000 Mal stärker. Der Mann ist vielleicht körperlich stärker, aber eine Frau bringt die Kinder zur Welt, sie kriegt ihre Tage … wenn das ein Mann durchmachen müsste, der würde in der Ecke sitzen und heulen. Also ich habe in der Ecke gesessen und geheult 😂. Also erstmal großen Respekt an alle Frauen. Es ist einfach so, die Frau ist sehr, sehr stark. Und als er das dann eben sagte, war ich so unglaublich wütend. Da galt einfach dieses alte Schema von Mann und Frau. Aber vielleicht muss er das für sich machen.

Als er dann anfing, mich „er“ zu nennen, wurde ich auch stärker und mutiger und hab ihn dann auch irgendwann gefragt, warum er mich die ganze Zeit beleidigt hätte. Warum er mich die ganze Zeit „Frau“ genannt hätte. Warum er mich als armes kleines Reh betitelt und meine Vergangenheit so aufgemotz hat und das ich noch mal Therapie bräuchte. Daraufhin sagte er zu mir „Ich habe unglaublich viele Transgender auf den kalten Metalltischen gesehen.“ Das heißt, sie sind den Weg gegangen und haben sich am Ende umgebracht, weil es für sie der falsche Weg war. Und deshalb, so sagte er, ist er so ein Arschloch. Das wiederum habe ich ihm dann sehr hoch angerechnet. Ich hab diesen Menschen aus tiefstem Herzen gehasst. Aber als er dann anfing, mich „Herr“ zu nennen, da wusste ich, ich hab ihn. Ich hab ihn, er hat es im Grunde schon bestätigt und jetzt komme ich.
Er fand es auch gut, dass ich ihn darauf angesprochen habe. Das ist viel Stärke, meinte er.

Die andere Therapeutin war viel sanfter. Sie hat mich auch nach meiner Vergangenheit und meiner Kindheit gefragt. Aber eben sanfter.

Mein Appell an alle Betroffenen:
Bitte redet offen über eure Kindheit. Denkt euch nicht irgendetwas aus. Denn, was bei Transgendern leider auch schon „normal“ ist, ist, dass sie sich irgendwelche Filme / Dokumentationen anschauen, das aufnehmen und dann sagen, mir gings genauso wie dem und dem oder der und der. Macht das nicht! Rede über DEIN Leben! Rede über DICH! Sei ehrlich zu dir. Denn es ist DEIN Weg und nicht der Weg irgendeiner Dokumentation, die du gesehen hast. Rede über DICH!

Das ist eigentlich alles und mir sehr, sehr wichtig.

Spannend, das mal so zu hören.

Ich sehe mich auch so ein bisschen als Aufklärer. Also nicht so ein „Hardcore-Aktivist“ wie viele andere. Sondern ich spreche auch Sachen an, die viele andere nicht ansprechen. Ich gehöre nicht zu den trans* Männern, die sagen „Whoa, es ist alles so schön und es ist alles so super. Und der Weg, der war so groovy. Und ich bin jetzt ein ganz anderer Mensch.“
Nein, du bist immer noch derselbe Mensch. Klar, veränderst du dich auch charakterlich. Du wirst vielleicht zufriedener. Andere werden durch das Testosteron leider aggressiv, das gibt es auch. Aber sie fühlen sich trotzdem wohl. Testosteron ist halt richtig krasses, hartes Zeug. Es verändert dich. Schau dir die Bilder an, ich hab Haarausfall und das ist nicht schön. Ich trage die Glatze nicht, weil ich es geil finde 😂.

Aber sie steht dir. Im Prinzip ist das ja auch so, wenn man jetzt mal sagt, „richtig männlich“. Es wird ja gesagt, wer viel Testosteron im Körper hat, hat nen Vollbart und ne Glatze.

Aber glaub mir, wie oft ich als Single-Mann lese „Der Mann muss Haare haben. Bitte keine Glatze.“ Ok, next, next, next … Oh, sie findet Glatze gut. Gleich anschreiben 😄

Ich krieg ja schon die Krise, wenn bei meinem Mann die Haare 5 cm lang sind. Also Glatze bei ihm muss ich jetzt nicht haben. Er wäre mir dann zu nackt. Aber er hat ja auch keinen Vollbart.

Deshalb trage ich ja auch den Bart. Also ohne Bart könnte ich mir das überhaupt nicht vorstellen. Manchmal kommt der Gedanke, dass ich gern wissen würde, wie es komplett ohne aussieht, aber dann denke ich mir so „Nee, dann bin ich totunglücklich, wenn der weg ist.“ Ich liebe meinen Bart. Ich lieb den total und will den auch wieder schön lang wachsen lassen.

Hat dein Name einen Hintergrund? Warum hast du dich für Johnny Alexander entschieden?

Ich fange mit Alexander an. Den hat meine Mutter ausgesucht und da war ich am Anfang auch eher wütend drüber. Alexandra, Alexander … Spitzname Alex. Geht halt männlich und weiblich. Meine Mutter hatte Angst davor, wenn wir unterwegs sind, und ich rufe mit weiblicher Stimme „Mama, wo bist du?“, mich mit einem männlichen Namen anzusprechen. Und deswegen hat sie Alex genommen, weil der eben neutraler ist. Gefiel mir damals natürlich überhaupt nicht. Ich war ja noch in der Anfangsphase und da ist man weitaus empfindlicher und sensibler. Man ist noch nicht so richtig angekommen. Und dadurch ist man dann eben viel, viel empfindlicher. Was ich auch verstehe. Deshalb bin ich immer sehr vorsichtig, wenn ich mich mit trans* Männern unterhalte, die noch gerade in der Anfangszeit stecken. Ich merke sofort, dass, sobald ich ein falsches Wort sage, mich einmal ein bisschen falsch ausdrücke, sie da sehr sensibel reagieren. Teilweise werden sie richtig aggressiv. Aber ich verstehe das alles. Ich war auch so. Sie können nichts dafür.

Bei Alexander war das so, ich hab den Namen erstmal echt gehasst. Weil sie damit wieder was Weibliches verbunden haben in meinen Augen. Von meiner Familie werde ich auch nur Alex genannt. Sie finden den Namen Johnny furchtbar. Ich hab auch schon Leute kennengelernt, die den auch einfach nur sch***e fanden. Manche haben mich gefragt, ob ich aus dem Osten komme. Andere fragten, ob ich Amerikaner sei. Nee.
Ich habe den Namen gewählt wegen Johnny Cash. Ich mag Johnny Cash wahnsinnig gern. Ich verbinde ihn mit so vielem. Ich höre jetzt nicht ständig seine Musik, das muss ich nicht ständig haben. Aber er war so voller Fehler, gleichzeitig wollte er so viel gut machen. Er wollte ein herzensguter Mensch sein und hat zeitgleich so viel Sch*** gebaut. War alkoholkrank, drogenabhängig und hat sogar leider seiner Frau eine geknallt. Er war halt Mensch und hat Fehler gemacht. Und wir machen alle Fehler. Aber wir können wunderbar auf andere zeigen und unsere eigenen Fehler vertuschen. Ich mag Johnny Cash komplett und ich verbinde ihn auch mit Rockabilly. Und ich mag auch den Namen. Johnny klingt irgendwie sehr locker und entspannt.

Die Richterin musste damals auch gucken, ob wir „Johnny“ überhaupt nehmen können. Aber sie war total lieb. Alexander ging, klar. Das musste auch sein, allein schon wegen meiner Mama. Aber Johnny? Ja, das ging dann auch. Sie fragte aber auch noch mal nach, ob es nicht John sein sollte, sondern wirklich Johnny. Jungs wollen ja immer John. Aber gerade auch weil alle John wollen, wollte ich John-ny.
Deshalb Johnny Alexander.

Spannend. Ich gebe zu, ich muss mich an Johnny auch noch gewöhnen. Du bist der erste Johnny den ich kenne.

Ist auch schön. Man hört den Namen nicht allzu oft.

Mit welchen Problemen hast oder hattest du kämpfen, seitdem du dein trans* Sein lebst?

Womit ich bis heute kämpfe ist Zwangsouting. Das mache ich gerade auch bei mir auf der Arbeit durch. Da hat mich eine Kollegin vor einem Gast (Patient in der Tagespflege) einfach geoutet mit den Worten „Johnny ist ja kein richtiger Mann.“

Auch beim Sport. Wenn ich mich da vor biologischen Männern oute und ich nehme die gleichen Gewichte wie sie, dann muss bei denen automatisch das Gewicht gleich schwerer sein. Sie müssen sofort das Schwerere nehmen. Und das kriegen sie dann kaum hoch. Und manchmal, wenn ich mir sicher bin, dass es ich auch schaffe, dann geh ich mit und nehme auch die Schwereren. Das amüsiert mich dann immer. Doch ich denke mir auch immer „Ehrlich, nur weil ich im Frauenkörper gefangen war und du als biologischer Mann geboren wurdest, fühlst du dich jetzt wegen mir bedroht? Was soll denn das?“. Wir könnten uns auch einfach die Hand reichen. Es kommen auch so Sprüche wie „Na, du bekommst ja auch künstliches Testosteron. Das ist klar, dass du automatisch mehr Kraft hast.“ NEIN, Bullshit. Es ist kein Superman-Mittel, was ich nehme und dann losgehe und sage „Boah, da ist ein großer Baum. Da braucht der Bio-Mann eine Axt für. Ich nehme den kleinen Finger und mache bam.“ Also das ist echt Bullshit und wenn ich sowas höre, da kriege ich bis heute Kappe. Das kann ich nicht ab. Es wird ja auch kontrolliert, wieviel Testosteron wir kriegen und in welchen Abständen. Es ist Quatsch zu sagen „Du bist ja nur stärker, weil …“. Du bist genauso stark, wie jeder biologische Mann auch. Und ja, die biologischen Männer haben das große Glück, zumindest die meisten, dass sie Frauen schwängern können. Sie haben nicht mit den Problemen zu kämpfen, mit denen sich trans* Männer auseinandersetzen müssen. Sie haben uns also sowieso was voraus. Und darüber sollen sie froh sein. Wir trans* Männer stehen da und denken uns „Oh man, der Bio-Mann sieht so toll aus. So würde ich auch gern aussehen.“ Wir haben dann oft auch so gewisse Vorbilder. Später wollen wir so aussehen wie XY. Na gut, dass ich später aussehe wie Kojak, das war jetzt nicht geplant.

Es ist schon traurig. Anstatt die Bio-Männer dankbar sind, dass sie eben all das haben und sich damit wohlfühlen.

Das und wie gesagt dieses Zwangsouting. Das ist halt wirklich schlimm. Es ist egal, wenn ICH mich bei Instagram oute oder auch darüber rede. Das ist aber mein Privatleben und MEINE Entscheidung. Aber man kann nicht einfach zu einem Gast gehen und sagen „Ach übrigens, Johnny ist kein richtiger Mann.“ Das ist dasselbe wie zu jemandem zu gehen und einfach zu sagen, Herr XY ist schwul. Das macht man nicht.

Nee, das macht man nicht. Und vor allem die Aussage „Er ist kein richtiger Mann.“ Das finde ich falsch.

Das ist ja im Grunde auch noch eine Beschimpfung. Ich bin genauso richtiger Mann wie jeder andere Mann auch. Egal ob Mann, Frau … auch diese Kleidersetzung oder das Schminken. Wenn ein Mann sich schminken mag oder ein Kleid tragen möchte, dann soll er das alles tun. Wenn eine Frau sich den Kopf rasieren möchte, dann soll sie das machen. Hauptsache glücklich und zufrieden.

Ich verstehe auch die Länder und Menschen nicht, die das so vehement ablehnen. Die, die diese ganzen Regeln und die Strafen aufstellen, sind in meinen Augen eigentlich nur Menschen, die mit sich selbst entweder wahnsinnig unzufrieden sind oder uns als absolute Bedrohung sehen, obwohl wir gar nichts tun. Wir leben und lieben einfach nur unser Leben.

Manche bezeichnen uns auch als Fehler. Aber wir sind keine Fehler. Ich glaube, es gibt einen Grund für jeden, warum man auf diese Welt kommt. Und manche finden diesen Grund und manche halt nicht. Der Überzeugung bin ich halt. Auch wenn ich im ersten Moment diese Gründe nicht sehe und mir denk, ok, das versteht ich jetzt mal so gar nicht. 2-3 Jahre später verstehe ich ihn dann aber. Das ist ganz faszinierend. Heißt aber auch, du musst dich selbst wieder reflektieren. Ehrlich reflektieren.

Möchtest du anderen Transgendern etwas sagen?

Bleibt bei EUCH! Bleibt in erster Linie bei euch. Hört nicht darauf, was andere Transgender sagen. Informiert euch, das ist gut, aber bleibt an erster Stelle immer bei euch und achtet darauf, dass ihr euch guttut. Klar, Mama, Papa, Freunde, alles wichtige Menschen. Aber ihr lebt euer Leben und nicht sie.

Richtig. Ich denke, wenn die Meinungen reinkommen, kann man, wenn man sie nicht einfach übernimmt, sondern wirklich drüber nachdenkt, auch für sich weiterkommen.

Finde ich auch. Natürlich kann man darüber nachdenken, wenn einer dir Ratschläge gibt, ob man diese annimmt oder es lässt. Absolut ok. Aber es muss nachher DEINE Entscheidung sein. DEIN Gefühl muss zu DIR passen.

Was wünschst du die für die Zukunft?

Ich hab eigentlich alles. Meine Mama lebt noch, meine Mama ist soweit gesund. Meine Schwester ist da, mein Papa, auch wenn er MS* hat, ist da. Ist habe zwei ganz tolle beste Freunde, die immer für mich da sind. Ich darf ein tolles Auto fahren, meinen kleinen Käfer.
Im Grunde habe ich auch einen tollen Job in der Tagespflege.

Eine liebe, nette Freundin. Eine, die wirklich emphatisch ist.
Ja, eigentlich wünsche ich mir nur noch eine Freundin.

Sonst bin ich wunschlos glücklich.

Was für ein schönes Schlusswort. 

*MS = Multiple Sklerose, eine chronisch-entzündliche neurologische Erkrankung, welche das zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) betrifft.

**Masektomie = die chirurgische Entfernung von Brustgewebe 

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Was hast du erlebt? Womit hattest du zu kämpfen?

Geht es um deine Genderidentität, deine sexuelle Orientierung, deine Hautfarbe oder deine Religion? Hast du vielleicht eine Behinderung oder eine Krankheit, über die du etwas erzählen möchtest?

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Egal ob Lob, Kritik, Anregungen oder Fragen. Her damit.

Ich freue mich auf konstruktiven Austausch.

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